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Quereinstieg? Das geht! Eine Erfolgsstory
Kein passender Lebenslauf – und trotzdem erfolgreich den Quereinstieg schaffen: Das wollen viele. Doch wie gelingt es wirklich? Bewerbungscoachin Andrea Kern verrät ihr Erfolgsgeheimnis anhand ihrer persönlichen Geschichte.
Andrea, vor deiner Tätigkeit als Bewerbungscoachin hast du selbst mehrfach den Quereinstieg geschafft – wie kam das?
Nach meiner Verwaltungslehre habe ich beim Kanton gearbeitet, doch nach einer Weltreise wusste ich: Ich will in den Tourismus! Alle haben mir gesagt, dass das ohne Erfahrung und Ausbildung unmöglich sei. Doch ich habe es trotzdem geschafft – und das war erst der Anfang.
Danach bin ich immer wieder quereingestiegen: vom Tourismus ins Marketing, später in die Erwachsenenbildung und zuletzt ins HR. Dabei habe ich gelernt, dass nicht der Lebenslauf zählt, sondern wie man sich präsentiert.
Was meinst du mit «sich richtig präsentieren»? Wie hast du das konkret gemacht?
Meine Bewerbungen waren immer mein Türöffner. Ich habe sie so gestaltet, dass sie sofort ins Auge fielen. Dabei war vom Text bis zur Optik alles individuell auf das Unternehmen bzw. die Stelle zugeschnitten. Sei es durch ein kreatives Element, ein Bild, ein starkes Statement oder einen ungewöhnlichen Einstieg. Ich wollte, das sofort klar wird: Diese Bewerbung gibt es nur einmal und sie ist genau für diese Stelle gedacht.
Kannst du mir ein Beispiel nennen?
Gerne. Bei meiner Bewerbung in der Tourismusbranche habe ich ein Deckblatt gestaltet, das den Tourismusort in den Mittelpunkt stellte. Eine Art Collage mit den wichtigsten Sehenswürdigkeiten, Zahlen und Fakten – ergänzt durch eindrucksvolle Bilder. So habe ich direkt gezeigt, dass ich mich intensiv mit der Destination auseinandergesetzt hatte. Zudem beschrieb ich im Motivationsschreiben, warum ich genau für diese Tourismusorganisation arbeiten wollte und welche Fähigkeiten ich dafür mitbringe.
Diese Bewerbung ist schon einige Jahre her. Funktioniert das auch heute noch?
Absolut! Ich sehe es als Bewerbungscoachin immer wieder: Auffallende, individuell gestaltete Bewerbungen machen auch heute den Unterschied. Allerdings zählt nicht nur der Inhalt, sondern auch der richtige Weg der Einreichung. Wird der Lebenslauf separat gesendet, landet der Fokus fast immer zuerst darauf. Und wenn er nicht optimal zur Stelle passt, ist die Absage oft vorprogrammiert. Deshalb ist es entscheidend, die Bewerbung so zu gestalten, dass sie neugierig macht – und nicht vorschnell aussortiert wird.
Und wie gelingt das?
Indem man den Blick der lesenden Person bewusst lenkt. Das bedeutet: Deckblatt, Motivationsschreiben und Lebenslauf sind in einem PDF zu kombinieren. So kann die rekrutierende Person nicht direkt zum Lebenslauf springen, sondern muss zuerst über das Deckblatt und das Motivationsschreiben scrollen. Sind diese ansprechend gestaltet und inhaltlich stark, bleibt der Blick hängen, die Neugier ist geweckt.
Sind Deckblatt und Motivationsschreiben also das i-Tüpfelchen für den Quereinstieg?
Ja, das sind sie. Gerade wenn der Lebenslauf nicht perfekt zur Stelle passt, spielen Deckblatt und Motivationsschreiben eine entscheidende Rolle. Sie bieten die Chance, den ersten Eindruck zu steuern, die eigene Motivation zu vermitteln und zu zeigen, warum man – trotz eines untypischen Werdegangs – genau die richtige Person für die Stelle ist.
Was rätst du deshalb Leuten, die den Quereinstieg machen wollen?
Sich ihre «Hin-zu-Motivation» genau zu überlegen. Warum will ich in diese Branche oder in diesen Beruf wechseln? Eine vage Aussage wie «Ich finde die Sozialbranche sinnstiftend» reicht nicht. Viel überzeugender ist eine persönliche Geschichte oder eine Erfahrung, welche die Wechselmotivation zeigt.
Zudem ist es essenziell, die eigenen Fähigkeiten konkret zu benennen – besonders dann, wenn sie im Lebenslauf nicht direkt ersichtlich sind. Wer seine Stärken klar herausarbeitet und sie mit der neuen Stelle verknüpft, kann auch ohne klassische Erfahrung punkten.
Hast du auch zu diesem Punkt ein Beispiel?
Ja, ich erinnere mich an eine Coaching-Kundin, die unbedingt als Verkäuferin in einer Boutique arbeiten wollte. Vor vielen Jahren hatte sie bereits im Verkauf gearbeitet – allerdings nicht in der Modebranche. Doch eines war offensichtlich: Ihr Stilbewusstsein war so ausgeprägt, dass ich sie selbst sofort für eine Stilberatung engagiert hätte.
Im Gespräch erwähnte sie dann beiläufig: «Immer, wenn ich in ein Modegeschäft gehe, halten mich die Leute für eine Verkäuferin. Sie kommen zu mir und fragen nach Beratung, weil sie denken, ich arbeite dort.» Genau diese Aussage haben wir auf das Deckblatt gesetzt – begleitet von einem stylischen Ganzkörperbild.
Im Motivationsschreiben stellten wir zudem direkt am Anfang klar, dass sie in den Verkauf zurückkehren möchte. So konnten wir ihren persönlichen Bezug zur Modebranche und ihre frühere Verkaufserfahrung gezielt herausstellen.
Viele zögern beim Quereinstieg, weil sie sich nicht qualifiziert genug fühlen. Was sagst du dazu?
Ich finde, wir dürfen mutiger sein. Fehlendes Wissen lässt sich aneignen und Erfahrung kommt mit der Zeit. Zudem gilt es auch bei einem regulären Stellenwechsel viel zu lernen. Das sollten wir nie vergessen. Und genau deshalb ermutige ich dazu, sich zu bewerben, auch wenn nicht jede Anforderung im Stelleninserat erfüllt wird.
Natürlich gibt es Grenzen. Ich würde mich beispielsweise nie als Ärztin bewerben. Aber wenn wir überzeugt sind, dass wir die nötigen Fähigkeiten mitbringen oder sie uns aneignen können, sollten wir den Schritt wagen. Mehr als eine Absage kann nicht passieren. Und wer weiss: Vielleicht kommt es ja besser, als man denkt.
Apropos «Besser als man denkt»: Worin siehst du den grössten Vorteil eines Quereinstiegs für Arbeitgebende?
Quereinsteigende sind meist hochmotiviert – und genau das macht sie wertvoll. Sie haben sich intensiv mit ihrer beruflichen Neuorientierung auseinandergesetzt und bringen eine starke Lernbereitschaft mit. Oft sind sie flexibler, anpassungsfähiger und bringen frische Perspektiven in ein Unternehmen. Das kann ein echter Vorteil sein gegenüber einer Person mit langjähriger Erfahrung, aber wenig Begeisterung für den Job.
Was war die wichtigste Lektion, die du aus deinen Quereinstiegen mitgenommen hast?
Oft lassen wir uns von Stellenausschreibungen, Anforderungen oder Zweifeln bremsen – dabei sind es nicht immer die perfekten Qualifikationen, die zählen. Viel entscheidender sind Mut, Eigeninitiative und die Bereitschaft, sich neues Wissen anzueignen.
Ich habe gelernt, dass es nicht den einen geradlinigen Karriereweg gibt. Ein Quereinstieg erfordert vielleicht etwas mehr Aufwand und Überzeugungsarbeit. Aber wenn man den richtigen Weg findet, kann er eine grosse Chance sein.
Andrea Kern ist Bewerbungscoachin und AI-Writerin sowie ehemalige HR-Leiterin. In ihren Bewerbungscoachings und Bewerbungsseminaren zeigt sie, wie die eigene Bewerbung plötzlich zum Favoriten wird – selbst wenn der Lebenslauf nicht perfekt zur gewünschten Stelle passt – www.wortundstil.ch